Sonntag, 29. Juli 2018

Baden-Baden LA8 Teil 2: Gediegener Spott = Einschränkung der Pressefreiheit - Karlsbader Beschlüsse

Baden-Baden, Museum LA8 – Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts - Ausstellungsempfehlung "Gediegener-Spott" noch bis 09. September 2018


Teil 2: Die Karlsbader Beschlüsse beschränkten vor gut 200 Jahren die „Preßfreiheit“ aller Druck-Erzeugnisse


Spätestens als im Jahr 1819 mit den Karlsbader Beschlüssen die „Preßfreiheit“ durch die allgemeine staatliche Zensur aller Schriften und Druckerzeugnisse jedwede "Freiheit" verliert, schlägt die Stunde der Interpreten einer bürgerlichen Realität mit satirischen Mitteln. „Presse“ als Begriff war erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum für gedruckte Zeitschriften und Zeitungen gebräuchlich, bis dahin schloss der Begriff die Gesamtheit aller Druckerzeugnisse ein. Jetzt, das heißt 1819, sollte auf einmal jeder Text, der in den Druck ging, genehmigt werden.

Sammelalben aus der Biedermeier-Zeit und Sammel-Bilder aus Krähwinkel
in der Ausstellung "Gediegener Spot" im LA8
Pressefoto: Helga Waess


Wie sollte der schreibende Kritiker mit dieser rigorosen Zensur der Presse umgehen?

Auf der Suche nach einer Nische für die Freiheit des geschriebenen Wortes und die Einbindung versteckter Kritik in Druckerzeugnisse wird die Verbildlichung politischer Satire ein wichtiges Mittel unverfänglich anmutender Druckgraphik.

Scheinbar plump, naiv und fast einfältig kindlich interpretierten Künstler Belehrungs-Grundsätze und Sinnsprüche, die der Erziehung der Gesellschaft dienen sollten. 

Die Exaktheit der Erwachsenenwelt wurde in den rund 200 in Baden-Baden ausgestellten Werken sozusagen in eine einfache Kinder- und belustigende Bildsprache übertragen und dadurch für die politische Zensur nicht fassbar. Damals wie auch heute schmunzelte der Betrachter über jene einfache bildnerische Umsetzung.

In der Krähwinkel-Satire fand sich eine Nische für die Meinungsfreiheit



Noch wurde in den 1820er/30er Jahren, wie Dr. Gisela Vetter-Liebenow, die Direktorin des Wilhelm Busch Museums aus Hannover, im Katalog zur Ausstellung ausführt, darüber diskutiert, ob Honoratioren, wie der Bürgermeister, der Pfarrer oder der Lehrer das Ziel politischer Satire sein durften.

Wie umgingen Spottverse und Bilder mit versteckter Kritik die Zensur im Vormärz?


Personen des öffentlichen Lebens wurden in den Krähwinkelbildern der Biedermeierzeit nicht namentlich genannt, sondern lediglich das von ihnen repräsentierte Amt. Alte Sinnsprüche wurden neu, satirisch und - scheinbar ganz nebenbei - auch kritisch interpretiert. Das Kirchen- oder auch Stadtratsamt fand sich - samt Mobiliar der Zeit - in jenen Bildern wieder und so übte man eine versteckte Kritik, die in realen Texten zensiert worden wäre. 

Biedermeierkleidung eines Paares, 
Ausstellung Gediegener Spott, im 
Museum LA8 – Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts,
Presse-Foto: Helga Waess

Die Erfindung des Ortes KRÄHWINKEL - ein „Musterbild beschränkter Kleinstädterei“

Der Schriftsteller Jean Paul hatte im Jahr 1801 den Namen „Krähwinkel“ wohl erstmals gebraucht. Wie sich dieses Synonym für das literarische Bild von einem beschränkten und einfältigen Bürgertum anbot, zeigt auch Kotzebues Buch über „Deutsche Kleinstädter“, welche im Jahr 1803 literarisch in Krähwinkel beheimatet sind.
Heinrich Heine, der als Student in Berlin von der überfüllten 200.000 Einwohnerstadt schnell genug hatte, kam ebendort erstmals in einem Theaterstück mit dieser fiktiven, kleinbürgerlichen Stadt und ihren stoffeligen Einwohnern, eben jenen Krähwinklern, in Berührung. Fortan krähwinkelte es auch bei Heine.

Die Baden-Badener Ausstellung im LA8 – Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts zeigt, wie dankbar die Erfindung des Ortes KRÄHWINKEL als ein „Musterbild beschränkter Kleinstädterei“ (Vgl. Grimmsches Wörterbuch, 1854) von den damaligen Bildmedien aufgegriffen wurde. Hierzu nutzte man den Vorteil der Vervielfältigung: denn kolorierte Kupferstiche konnten in größerer Stückzahl produziert und verbreitet werden.
Krähwinkel war stets nur ein fiktiver Ort und so jenseits jeder Kritik an der Obrigkeit und den realen politisch-sozialen Verhältnissen beheimatet. Die staatliche Zensur konnte hier nicht greifen!

 

LA8 – Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden zeigt


-- verlängert bis 9. Sept. 2018 "GEDIEGENER SPOTT. Bilder aus Krähwinkel."

-- 29. Sept. 2018 bis 3. März 2019 "WILHELM BUSCH. Bilder und Geschichten"